Demokratie gestalten
Die Idee zu diesem Projekt entstand auf einer Gruppensprechersitzung der Rahn-Schulen Halle im Mai 2008. Sie entwickelte sich aus der Fragestellung, wie eigentlich die Regeln entstehen, die unser Zusammenleben in Staat und Gesellschaft bestimmen. "Nichts leichter als das!", war die einhellige Meinung der Anwesenden. "Wir fahren in den Landtag nach Magdeburg und schauen uns das mal an". Vielleicht etwas zu einfach, dachte ich mir und machte folgenden Vorschlag: "Was wäre denn, wenn wir nicht nur in den Landtag fahren, schauen und hören, sondern diesen auch benutzen würden, so richtig, wie die Politiker?" Damit war gemeint, selbst aktiv zu werden und einen Gesetzgebungsprozess so zu gestalten, wie er tatsächlich abläuft. Auch dafür gab es breite Zustimmung. Die Bedingungen für dieses Rollenspiel waren auch schnell gefunden. Zwei Parteien müssen gegründet und Fraktionsvorsitzende berufen werden, die eine Fraktion bilden. Das Wichtigste aber war der Gesetzentwurf selbst, an dem sich die späteren Fraktionen reiben sollten. Es ging um den "Antrag auf Abschaffung des Sitzenbleibens an allgemeinbildenden Schulden in Sachsen-Anhalt". Welche Arbeit und Probleme damit verbunden waren, ahnte zu diesem Zeitpunkt noch keiner.
Als erstes mussten die Fraktionsvorsitz- enden in die Spur, um sich Mitstreiter für das Dafür bzw. Dagegen zum Antrag zu organisieren und einen Namen für die Partei zu finden. Bedingung war hier eine Fraktionsstärke von 15 Personen und aus jedem unserer Fachbereiche mindestens ein Jugendlicher als Mitglied. Ein Ergebnis der ersten Fraktionssitzung waren die Parteinamen DJS - Die Ja-Sager und NCP - No Chiller Partei. Dann mussten Fakten recherchiert, Reden geschrieben und die Redner gefunden werden. Wer ist schon in der Lage, aus dem Stegreif ein überzeugendes 5-Minuten-Statement vor dem hohen Haus zu halten. All das gelang bis zum Termin, dem letzten Junitag 2008, auch durch die tatkräftige Unterstützung der beiden Sozialpädagoginnen Annett Gipp und Uta Czarnetzki. Natürlich blieb die Unsicherheit, ob alles so klappen würde wie vorausgedacht. So traten wir ziemlich aufgeregt die Reise nach Magdeburg an.
Im Landtag angekommen, wurden wir begrüßt, zum Rundgang eingeladen, per Film über die Arbeit des Parlamentes informiert und dann durften wir in den Plenarsaal, nun als Abgeordnete. Unserer Fraktionen nahmen dort Platz, wo sonst SPD und CDU die Klingen kreuzen. Der an Jahren Älteste, Oliver Schreiter, eröffnete die Sitzung und begrüßte die Anwesenden. Danach organisierten die beiden jüngsten Abgeordneten, Carolin Troitzsch und Steffen Zawilla, die geheime Wahl des Landtagspräsidenten. Hier setzte sich Ronny Ciornei eindeutig durch. Dieser führte dann auch souverän durch die Debatte. Natürlich beeindruckt von der Bedeutung des Moments und der Stelle, wo sonst auch Ministerpräsident Böhmer das Wort an das Plenum richtet, hielten Andreas Klarenbach und Marie Hauser die Auftaktreden. Danach zogen sich die Beteiligten in die Fraktionsräume zurück, um die Erwiderungen vorzubereiten.
Nach einer Stunde des Findens zündender Gegenargumente, wurden, nun wieder im Plenarsaal, die Abschlussreden von Christian Peter und Natascha Becker gehalten. Die Aufregung war verflogen, die Abgeordneten wurden lauter, die Redner erhielten sofort Kontra aus den Sitzreihen. Schließlich kam es zur offenen Abstimmung und wie fast zu erwarten, konnten keine Stimmen aus der anderen Fraktion gewonnen werden. So was nennt man dann wohl Fraktionsdisziplin. Bei einer Pattsituation gilt der eingebrachte Antrag als abgelehnt, so wird also bei uns weiter "Sitzengeblieben". Unser Fazit: Ein mühseliger Prozess, so eine Gesetzesänderung, aber eine tolle Erfahrung, diesen zumindest einmal an realen Orten simuliert zu haben.
PS: Gern hätten wir einige Bilder von der Debatte veröffentlicht, aber das Fotografieren ist im Landtag Sachsen-Anhalt verboten.
Für die Teilnehmer
Artikel wurde verfasst von Jörg Richter, Schulleiter
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